Web-Dossier
VIRTUELLE UNTERNEHMEN
Warum sie einstehen. Wie sie entstehen. Und welchen Beitrag sie für den Wandel in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft leisten wollen und können.
Abschlussarbeit von Heike Arnold zum BMBF-Forschungsprojekt EVU
Zusammenfassung
Sind virtuelle Unternehmen am Ende nur "neuer Wein in alten Schläuchen" - oder steckt mehr dahinter als manch einer vermutet? Dieser und anderen Fragen wie der nach Kompetenzen, die Menschen brauchen, um über die räumliche Distanz und via Technologie komplexe Projekte zu wuppen oder zu den Hürden, die virtuelle Unternehmen an der Steigerung ihrer Performance hindern, geht die Autorin Heike Arnold in ihrem Web-Dossier nach. Aus Sicht der Praxis – die mitunter von schönen Theorien der Wissenschaft deutlich abweicht. Wie sich die Zukunft virtueller Unternehmen bis 2015 entwickelt haben kann, wird in der Abschlussarbeit, die von sich selbst sagt, kein Leitfaden im klassischen Sinn zu sein, ebenso betrachtet wie die Probleme des Wissenstransfers zwischen Wissenschaft und Wirtschaft.
Das Web-Dossier beginnt mit der Vorstellung der Arbeit, in der die Autorin erklärt, warum sie vom Stil und der Art eines klassischen Leitfadens Abstand genommen hat und statt dessen im erzählerischen Stil ihre Erfahrungen und die ihrer Interview-Partner wiedergibt. "Erfolg", sagt Arnold, „lässt sich ebenso wenig kopieren wie die Persönlichkeit eines anderen Menschen. Erfolgskriterien von virtuellen Unternehmen einfach zu übernehmen, ist viel eher erfolgskritisch. Denn, was einer nicht selbst gedacht, erfahren und gemacht hat, verinnerlicht sich nicht, bleibt an der Oberfläche – und das merkt jeder einigermaßen kluge Gesprächspartner sofort." Weiter geht es im Web-Dossier mit der Vorstellung des Projekts EVU, seinen Fragenstellungen und Zielen und einem Portrait zur Autorin, die seit mehr als einem Jahrzehnt praktische Projekte im Bereich virtueller Unternehmen durchführt.
In einem Exkurs, den zu lesen die Autorin ausdrücklich empfiehlt, geht es um die Anforderungen der Wissenschaft an die Wirtschaft – und umgekehrt. Hier wird unter anderem die kritische Frage gestellt, ob sich die Wissenschaft in dutzenden von Forschungsprojekten zum Thema Virtuelle Unternehmen um die Klärung von Fragen und Problemen bemüht, die in der Praxis schon längst von geringerer Relevanz sind – was zumindest aus Sicht von Praktikern so zu sein scheint. Warum bisher keine Zusammenfassung aller Ergebnisse aus der Forschungsarbeit um Virtuelle Unternehmen, Wissensarbeit & Co. erfolgt ist? Weshalb das gewonnene Wissen noch nicht in allgemein verständlicher Sprache der interessierten Gesellschaft, Diplomanden, der Wirtschaft und Politikern zur Verfügung gestellt, regelmäßig aktualisiert, im Web weder besonders kostenintensiv noch zeitaufwändig? Das sind Fragen, die sich stellen. Im Hinblick auf immer wieder gleiche Fragen, die im Rahmen von Forschungsprojekten an die meist immergleichen Unternehmer gestellt werden, ist ihre Überlegung, es könne durch ein kluges Informations- und Wissensmanagement hier eine Menge an Forschungsgeld gespart werden, nicht von der Hand zu weisen.
Im KAPITEL EINS des Web-Dossiers "Ganz wirtschaftlich" geht es um den Sinn und Zweck virtueller Unternehmen. Werden sie aus der Not heraus von einzeln Schwachen gegründet oder steckt hinter dem Kooperationsmodell eine Geschäftsstrategie? Bei den erfolgreichen virtuellen Unternehmen ist eindeutig Letzteres der Fall. Dabei steht der KUNDE im Mittelpunkt der Geschäftsstrategie, denn ihm soll beste Qualität und bester Service geboten werden. In Konsequenz dieser Haltung gegenüber Kunden, konzentrieren sich Kleinst- und Kleinunternehmen auf den Ausbau und Stärkung ihrer individuellen Möglichkeiten – Kernkompetenzen – und schließen sich, auch unter Berücksichtigung wirtschaftlicher Überlegungen – mit anderen Experten zusammen. Alles Wissen im eigenen Haus aufzubauen, um maßgeschneiderte Lösungen in ähnlich guter Qualität liefern zu können wie sie zustande kommt, wenn sich die Besten ihrer Zunft für ein Projekt zusammenschließen, wäre nicht nur unökonomisch, sondern vielfach auch gar nicht erreichbar. Da sich Wissen so schnell erneuert, ist ein Vorsprung, den sich andere auf einem Fachgebiet erarbeitet haben, auf keinen Fall einzuholen. Nicht für die Projektarbeit, die in der Regel unter Zeitdruck erfolgt.
Ein weiteres, auf eine Strategie schließendes Motiv derer, die virtuelle Unternehmen ins Leben rufen, ist es, das Wachstum des eigenen Unternehmens sehr bewusst steuern zu können. So ist es im virtuellen Unternehmen für die Ausführung eines komplexen Projekts, das erhöhte Ressourcen an Arbeitskraft oder Technologie voraussetzt, nicht notwendig, in die Aufstockung von angestelltem Personal oder die Anschaffung nur gelegentlich benötigter Technologie zu investieren. Dadurch halten sich die laufenden finanziellen Belastungen in einem Unternehmen, das sich bei Bedarf mit anderen zusammenschließt, um die eigenen Ressourcen zu erweitern, in überschaubaren Grenzen. Es muss nicht um jeden Preis akquiriert werden, um allein kostendeckend arbeiten zu können. Durch den Verzicht auf abhängig beschäftigtes Personal und die Reduzierung auf das Wesentliche, was für den jeweiligen Betrieb benötigt wird, verfügen die meisten Selbstständigen, Freiberufler, Freelancer oder Kleinst- und Kleinunternehmen über eine ausgesprochen schlanke Verwaltung – einen Wasserkopf wie bei klassisch organisierten Betrieben gibt es nicht. Das, was an Geld für teuren Schnickschnack gespart wird, wird in Form von Zeit in das eigene Wissen investiert.
Maximale Unabhängigkeit, maximale Flexibilität und maximale Kundenorientierung – das ist es, was Kunden sich vom virtuellen Unternehmen wünschen – und bekommen. Von Schwarzen Schafen abgesehen, die sich mit dem Geschäftsmodell nicht näher auseinandergesetzt haben mal abgesehen, konnten im Projekt EVU virtuelle Unternehmen aus einer Vorauswahl herausgefiltert werden, deren Gründer sich seit vielen Jahren mit der Idee des vernetzten Denkens und Arbeits beschäftigen – und sie in ihren Unternehmen auch konsequent leben. Mit einigen hat sich Heike Arnold ausführlich beschäftigt.
In KAPITEL ZWEI "Ganz realistisch - von Wegen, Werten und Zielen neuer Unternehmer" kommen drei Persönlichkeiten in ausführlichen Interviews zu Wort, die eine Reihe von Fragen zu typischen Untersuchungs- und Problemfeldern von virtuellen Unternehmen, teils unterschiedlich, teils übereinstimmend, aber stets sehr qualifiziert beantworten. Dabei werden auch offen Fehler und Versäumnisse eingestanden – und über Vorstellungen zur Zusammenarbeit mit Partnern gesprochen, über die immer wieder neu nachgedacht werden muss. Weil eben jeder Mensch einzigartig und die Vielfalt und Verschiedenartigkeit von Kulturen, Meinungen und Gewohnheiten gewaltig groß ist.
Während sich im ersten Interview Nora Weyhing, Gründerin und Mitinhaber von poolworxx und Peter Opitz, Gründer der Opitz New Media/Schweiz zu Fragen wie "Vertrauen vs. Verträge" oder zur Bedeutung der Kommunikation in virtuellen Unternehmen äußern, geht Marc Weyhing von poolworxx auf technologische Fragen und gesetzliche Vorschriften ein, die in virtuellen Unternehmen eine besondere Rolle spielen wie beispielsweise die Archivierungspflicht für E-Mails und den Umgang mit digitalen Rechnungen. Hier wird auch auf die digitale Betriebsprüfung eingegangen – die in jedem Fall – alle Organisationen betrifft, die nicht mehr alles Geschäftliche mit Block und Bleistift erledigen.
Um eine Vielzahl von Kompetenzen, die es in virtuellen Untenehmen braucht, geht es schließlich im KAPITEL DREI des Web-Dossiers. Hier stellt die Autorin jeweils Theorie & Praxis gegenüber, beginnend mit der zumeist eher schwer verständlichen Definition eines Kompetenzbegriffs der Wissenschaft, die sie kurz und knapp übersetzt und um Perspektiven aus dem Alltag von virtuellen Unternehmen erweitert.
"Ganz konkret" geht es in KAPITEL VIER um das, was virtuelle Unternehmen behindert und jenes, was getan werden könnte, um die Hürden zu beseitigen. Dem Leser wird Gelegenheit gegeben, einen Blick in das (fiktive) Tagebuch der Autorin zu werfen, in dem sie ihren Gedanken zu Bürokratie & Co. freien Lauf lässt. Unter anderem stellt sie sich – mit einer gewissen Selbstironie – die Frage, warum es ihr so schlecht möglich ist, sich als GmbH-Geschäftsführerin und als Person Heike Arnold in zwei unterschiedliche "Wesen" spalten muss, um der Bürokratie genüge zu tun. Sich selbst zu Gesellschafterversammlungen einladen und mit sich selbst Beschlüsse zu fassen und das alles ordentlich zu Protokoll zu geben, erscheint ihr "seltsam". Nicht erklärlich ist ihr, warum es nicht längst eine digitale Signatur für alle Bundesbürger gibt, die den Gang zu Behörden und Notaren ersparen würde. Ihre Vision vom virtuellen bundesdeutschen Handelsregister will sie sich ebenfalls nicht nehmen lassen, denn ein häufiger Standortwechsel im Sinne von "dahin, wo die Kunden sind oder die Lebensqualität stimmt", also das, was an Mobilitätsbereitschaft immer wieder gepredigt wird, kostet eine Ein-Personen-GmbH nicht nur jede Menge Zeit, sondern auch immer wieder Geld, über das sich ein Notar gewiss freut, der den Standort- und jeden sonstigen Wechsel wie die Änderung bzw. Erweiterung des Geschäftszwecks – beurkunden muss.
Zukunft in Arbeit? Das fragen sich vor allem neue Selbstständige, die daran Zweifel hegen, ob wir wirklich schon im Begriff sind, das Industriezeitalter zu verlassen und die Zukunft im Zeitalter des Wissens zu entdecken – und zu gestalten. Der gestellten Aufgabe des Projektträgers nachkommend, jenen, die die Weichen für die Zukunft maßgeblich stellen: Politiker, Gewerkschaften, Banker und Wirtschaftsförderer, Denkanstöße zu geben, wird in diesem Kapitel ausführlich über Entbürokratisierung, Neue Kompetenzen vs. Alte Schule und über Life-Work-Balance gesprochen. Darf Arbeit Freude machen? Haben Sozialromantiker das Recht, denjenigen, die nicht nach Trennung von Arbeit und Leben fragen, karrieristisches, egoistisches Denken zu unterstellen? Brauchen unternehmerisch denkende und handelnde den allumfassenden Fürsorge- und Vorsorge-Staat? Und sollten nicht jene, die wirklich null Bock auf Arbeit haben, durch den Erhalt eines bedingungslosen Grundeinkommens von der Last, sich für etwas zur Verfügung halten zu müssen, was sie nicht wollen, befreit werden? – Überlegungen, die auch im Rahmen der im Juni 2005 stattgefundenen Zukunftswerkstatt des Projekts EVU geäußert und von den teilnehmenden Unternehmern kontrovers diskutiert wurden. Die Autorin betont, dass es sich bei den Gedanken und Forderungen, die in Kapitel Vier geäußert werden, um eine Zusammenfassung dessen handelt, was ihr in zahlreichen Gesprächen vermittelt wurde. Es entspricht dem Wunsch dieser Gesprächspartner, dass in dieser Abschlussarbeit "auch mal Klartext" geredet – und die Realitäten festgestellt werden.
In einer SCHLUSSBETRACHTUNG geht es noch einmal um die Frage: Zukunft in Arbeit? Arbeit in Zukunft? und um Meinungen, Haltungen und Forderungen, die neue Unternehmer vertreten. Weniger Staat ist der Tenor. Mehr Hilfe zur Selbsthilfe die Grundforderung an Entscheider in Wirtschaft und Politik. Von ihren Mitmenschen erwarten Neue Unternehmer, dass sie sich ihrer Selbstverantwortung bei der Frage danach, wer eigentlich Arbeit schafft, bewusst werden und sich unternehmerisches Denken und Handeln gegenüber dem Befehls- und Hilfsempfängerdenken des Industriezeitalters durchsetzen wird.
